Hermann Müller-Thurgau (1850-1927): Leben und Wirken in Geisenheim
Auf Empfehlung seines Doktorvaters, Prof. Sachs, tritt Müller-Thurgau im Frühling 1876 seine Arbeit als Leiter des neu geschaffenen Instituts für Pflanzenphysiologie an der 1872 gegründeten «Preussischen Lehr- und Forschungsanstalt für Wein , Obst- und Gartenbau» in Geisenheim am deutschen Mittelrhein an.
Das ist eine grosse Chance für den strebsamen Wissenschaftler: Er muss nicht Bestehendes übernehmen. Er kann, darf, muss ein neues Institut von Grund auf planen und aufbauen. Sein Fleiss, sein Forscherwille, sein Ehrgeiz kommen ihm zugute. Schnell wächst, gedeiht sein Institut und wird bei Fachleuten zum Inbegriff für seriöse Arbeit und neue Erkenntnisse. In seine Geisenheimer Zeit fallen grundlegende Forschungsarbeiten am Weinstock und an Obstgehölzen. Seine Erkenntnisse über das Erfrieren der Pflanzen, seine Kreuzungsversuche verschiedener Rebsorten und seine Arbeiten, die sich mit gärungsbiologischen Aspekten beschäftigten, machen ihn in der Wissenschaft aber auch bei den führenden Winzern und Bauern am Rhein rasch zum interessanten und kompetenten Gesprächspartner und Berater. Müller-Thurgau verfügt über die Gabe, komplexe Vorgänge mit einfachen Worten auch für Laien verständlich zu formulieren.
So ist es nicht verwunderlich, dass Müller-Thurgau auf Weingütern immer wieder mal zu Besuch ist. Wenn man die Sache etwas romantisiert: Niemandem ist es offenbar aufgefallen, dass Müller-Thurgau häufig beim Weinbauern und -händler Biegen im Nachbarort von Geisenheim auftaucht. Dass er dabei nicht nur Gespräche mit dem Weinhändler führt, sondern sich auch freundlich mit der ganzen Familie unterhält, ist ja auch einfach nur schicklich und ein Gebot der Höflichkeit. Aber irgendwann wird allen klar, dass sein Interesse nicht nur beruflicher Art gewesen ist: Bertha, des Weinhändlerehepaars Tochter, wird 1881 seine Frau! Müller-Thurgau ist 31 und seine Braut 19 Jahre alt. Das Paar bekommt in den folgenden Jahren drei Töchter.
Seit 1877 experimentiert Müller-Thurgau mit Rebenzüchtungen. Im Jahresbericht 1882/83 schreibt er: Zweck der Versuche ist, durch Kreuzung verschiedener Sorten neue Reben zu erhalten, welche gute Eigenschaften der Elternformen in sich vereinigen. Dabei ist er sich bewusst, dass Selbstbefruchtung und Fremdbestäubung nur sehr schwierig zu verhindern sind. Darum arbeitet er besonders sorgfältig. Aber: Riesling x Silvaner ist nicht Riesling x Silvaner!
Historischer Verein am Seerhein, Bruno Sutter

Preussische Lehr- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau Geisenheim in den 1880iger Jahren


Ehrenpokal der Deutschen Weinbauvereins zum Abschied von Geisenheim