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Rück- und -ausblick des Gemeindepräsidenten

Wer seinen Blick öffnet, wird trotz etlicher Widrigkeiten im 2022 feststellen, dass wir uns bei der Rückschau auf das abgeschlossene Jahr insgesamt glücklich schätzen und in vieler Hinsicht dankbar sein können. Nicht vergessen werden dürfen dennoch Menschen, die unter den Folgen einer Krankheit leiden oder von persönlichen Schicksalsschlägen getroffen wurden.

Gesellschaftlich und kulturell war 2022 wieder einiges möglich, das wir in den letzten beiden Jahren mit den bekannten Einschränkungen so sehr vermisst hatten. Einer von mehreren Höhepunkten war diesbezüglich das Jubiläumsfest von Gewerbe Tägerwilen. Die erzwungene Verspätung hat sich "gelohnt": Die Feierlichkeiten zum 101-Jährigen waren mit Kaiserwetter gesegnet und ein buntes, vielfältiges Happening - genau das, wonach die Seele lange gedürstet hatte.

Dennoch ist allenthalben eine Veränderung des Verhaltens und gewisse Zurückhaltung zu spüren, z.B. in Restaurants, in Geschäften, an Anlässen und in Vereinen. Nach den langen Einschränkungen und Pausen muss vielerorts der Zuspruch der Menschen erst wieder gewonnen werden.

Nicht alles ist planbar

Die Grenzen der Planbarkeit wurden 2022 nicht nur der Wirtschaft, sondern auch uns in der Gemeindeverwaltung aufgezeigt. Die Unwägbarkeiten im Energiesektor streuten nicht nur Unsicherheit bei der Beschaffung und erforderten einen hohen Erklärungsbedarf seitens der Kunden. Der dadurch beschleunigte Boom bei den Photovoltaikanlagen beispielsweise - in Tägerwilen wurden über 70 neue Einheiten in Betrieb genommen – erforderte alleine einen geschätzten Aufwand seitens der Werksverwaltung von rund 14 Arbeitswochen.

Die 2022 sprunghaft gestiegene Anzahl Baugesuche für den Ersatz von fossil betriebenen Heizanlagen belegen zudem: die "freiwillige" Umstellung zu erneuerbaren Energieträgern funktioniert vor allem übers Portemonnaie. Dies bestärkt den Gemeinderat darin, das bereits vor der Krise von der Energiekommission aufgegleiste Förderprogramm nach Abschluss der Vernehmlassung an der Gemeindeversammlung im kommenden Mai zur Abstimmung zu bringen. Vom neuen Schwung bei der "Energiewende" profitiert auch der Wärmeverbund der Gemeinde, der in diesem Jahr seinen nächsten Ausbauschritt Richtung Gebiet Bindersgarten realisieren wird.

Mit der Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge musste auch der Leiter der sozialen Dienste ungeplant seine Prioritäten anpassen. Die Bewältigung dieser Herausforderung gelang vor allem dank der Initiative von verschiedenen Privatpersonen und mit Unterstützung der Volksschulgemeinde. Aufgrund der zunächst unklaren rechtlichen Grundlage mussten die privaten Gastgeber Geduld aufbringen, bis sie seitens der Gemeinde unterstützt werden konnten.

Ob all der Aufregung dieser neuen Gegebenheiten ist der Ersatzneubau des Wasserreservoirs Gruebhalde 2022 in der Wahrnehmung in den Hintergrund gerückt. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Generationenprojekt mit einem respektablen Investitionsvolumen von rund zwei Millionen Franken, sondern vor allem um ein für die Sicherheit der kommunalen Wasserversorgung eminent wichtiges Vorhaben. Nach einem sehr guten Projektablauf während des ganzen Jahres war erst zum Schluss der "Wurm drin". Und zwar in Form einer biologischen Verunreinigung, die bei den Wasserqualitätsmessungen im Rahmen der Testbefüllung festgestellt wurde. Dies verzögert die Inbetriebnahme um rund zwei Monate. Wir hoffen auf die Inbetriebnahme noch in diesem Monat. Die Umgebungsarbeiten werden im Frühjahr abgeschlossen.

Bevölkerungswachstum hält an

Vorwiegend angetrieben durch die attraktive Lage Tägerwilens und die vielzitierte innere Verdichtung wird die Einwohnerzahl auf absehbare Zeit weiter zunehmen. Neben den bereits in Bau befindlichen und bewilligten Projekten gibt es eine ganze Reihe weiterer Vorhaben für den Ersatz von älteren Einfamilienhäusern durch grössere Wohnbauten. An der Sägestrasse und zwischen Oberdorf- und Ernst-Kreidolfstrasse entstehen zudem neue Einfamilienhäuser. Durch den bevorstehenden Neu- und Ausbau von grösseren Gewerbe- und Industrieliegenschaften bleibt Tägerwilen indes auch als Arbeitsort vielseitig attraktiv.

Angesichts dieser Veränderungen ist die Gemeinde gefordert, mit der öffentlichen Infrastruktur Schritt zu halten und die Attraktivität des zunehmend dichter besetzten Raums für Einwohnerinnen und Einwohner aufrechtzuerhalten. Deshalb hat der Gemeinderat zum Ende des Jahres den Startschuss für die Erarbeitung eines Masterplans zur Zentrumsgestaltung an der südlichen Bahnhofstrasse erteilt. Gemeinsam, vor allem auch mit den Grundeigentümern, soll eine Richtschnur für die Gestaltung des Raums bei künftigen Projekten in diesem Perimeter entwickelt werden.

Finanzbedarf für Gemeindeliegenschaften

In das Blickfeld rücken durch das Wachstum zunehmend die gemeindeeigenen Liegenschaften. Nicht ganz überraschend zeigt eine genauere Betrachtung einen erheblichen Sanierungsbedarf. Prioritär in Abklärung sind das Friedhofsgebäude, dessen aktueller Zustand die zeitgemässen Anforderungen bei weitem nicht mehr erfüllt, sowie die Bürgerhalle, wo neben energetischer Sanierung auch zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten geprüft werden sollen. Die Volkschulgemeinde prüft die Übernahme des "Torggel". In einem bedenklichen Zustand befindet sich die Hertlerhalle. Damit stellt sich die Frage, wo Werkhof, Entsorgung und Feuerwehr untergebracht werden können. Eine Antwort darauf würde die strategischen Optionen mit Blick auf eine künftige Mehrzweckhalle erweitern. Der Gemeinderat gedenkt, die erhöhte Kompetenz des im Mai 2022 an der Gemeindeversammlung genehmigten Landkreditkontoreglements bei Gelegenheit zu nutzen. Bezieht man auch noch die Zentrumsgestaltung mit ein, ist ein beträchtlich erhöhter Finanzbedarf in der Zukunft absehbar, wenn solche Investitionsvorhaben realisiert werden sollen.

Denn die üblichen, auf lange Sicht geplanten Sanierungsprojekte für das bestehende Werkleitungs- und Strassennetz bedürfen weiterhin einen guten Teil unserer Ressourcen und Mittel. Die erste Etappe der Sanierung von Seeblickstrasse und Seeblickweg soll im Frühjahr abgeschlossen werden. Weiter stehen 2023 die Sanierung der Oberdorfstrasse (von Castell- bis Ernst-Kreidolfstrasse) sowie von Rüselweg und Rüselbachstrasse (von Torggelgasse bis Hinterdorfstrasse) auf dem Plan. Die Sanierung der Hertlerkreisel unter der Federführung des kantonalen Tiefbauamts wird ebenfalls im Frühjahr in Angriff genommen. Leider konnte hier mit dem Grundeigentümer für den ursprünglich vorgesehenen Landerwerb von 34 m2 keine Einigung erzielt werden. Das Objekt musste nun auf der bestehenden Fläche geplant und in Sachen Verkehrssicherheit bestmöglich "entschärft" werden.

Biodiversität als integrales Anliegen

Auch auf kommunaler Ebene kann man heute den Aspekt der bestmöglichen Förderung oder des Schutzes der Biodiversität bei keiner Veränderung im Raum mehr ausser Acht lassen. Der Gemeinderat hat im Herbst das Biodiversitätskonzept für unsere Gemeinde, die Bachelor-Arbeit von Gemeinderätin Rebecca Fässler, zur Kenntnis genommen und die Naturkommission damit beauftragt, Vorschläge für Prioritäten zu einer praxisorientierten Umsetzung zu unterbreiten. Die Aktivitäten der Gemeinde auf diesem Gebiet können somit künftig intensiviert und systematisch bearbeitet werden. Das vor drei Jahren mit der Unterstützung des Kantons gestartete Projekt Vorteil naturnah geht heuer derweil in sein viertes und letztes Jahr der Massnahmenumsetzung. Im Herbst letzten Jahres wurde zudem die Freihaltefläche in der "Leberen" (zwischen Hauptstrasse und Egelbachstrasse) naturnah gestaltet. 2023 wird die Fischtreppe beim Kantonalbankgebäude und damit die Längsvernetzung von Dorf- mit Chastler- und Allmendbach realisiert werden. Ebenso soll der nächste Schritt beim Hochwasserschutz beim Allmendbach (zwischen Palmenweg und Bahnhofstrasse) mit Revitalisierungsmassnahmen verknüpft werden.

Verwaltung in Reorganisation

Zu den Gemeindewahlen vom März treten praktisch alle bestehenden Amtsträgerinnen und Amtsträger sowie Kommissionsmitglieder wieder zur Wahl an. Einzig Séverine Affentranger, Mitglied der Rechnungsprüfungskommission, zieht sich nach zwei Amtsperioden zurück.

Die Gemeindeverwaltung befindet sich in einem längerfristig angelegten Prozess der Anpassung an neue Gegebenheiten und personelle Veränderungen. Ende 2023 soll die vor einem Jahr gestartete Zusammenlegung von Finanz- und Steuerverwaltung abgeschlossen sein. Bereits seit 2022 ist Markus Eichenberger für die ganze Abteilung verantwortlich. Claudia Bär, bisher für die Quellensteuern verantwortlich (seit 1.1.2023 durch den Kanton), übernimmt neu Aufgaben in der Finanzverwaltung. Im Hinblick auf die Pensionierung von Felix Schmid gegen Ende dieses Jahres ist seit 1. Januar 2023 neu Jasmin Keller aus Amriswil zu uns gestossen. Sie wird künftig vor allem im Bereich Steuern tätig sein. Ab dem 1. April wird mit Michèle Rindlisbacher aus Ermatingen eine sehr kompetente Person die Verantwortung für das Einwohnerwesen übernehmen.

Grosse Herausforderungen liegen in den ersten Monaten des neuen Jahres in der Umstellung auf eine neue IT-Umgebung mit Serverersatz und neuer Softwarelösungen in den Bereichen Finanzverwaltung, Steuern, Einwohnerwesen und Werkverwaltung. Beim Elektrizitäts- und Wasserwerk wird eine neue Fakturierungssoftware eingeführt und der Projektstart für die Realisierung eines intelligenten Messsystems ist erfolgt. Bis 2027 muss beim Strom bei 80% der Messstellen "Smart Metering" eingeführt sein.

Etliche für unser Gemeindeleben ebenfalls sehr wichtige Bereiche wurden in diesem Rück- und Ausblick nicht angesprochen. Ich denke an die Bereiche Soziales, Gesundheit, Gesellschaft und Kultur. Gerade hier können wir auf die Unterstützung und das grosse Engagement von vielen Personen, Vereinen und anderen Körperschaften in unserem Dorf zählen. Dafür sind wir sehr dankbar. Dies heisst aber nicht, dass auch hier an etlichen Stellen seitens Gemeinderat oder Verwaltung Handlungsbedarf besteht.

Ihnen allen, geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger, Kolleginnen, Kollegen im Gemeinderat und in den weiteren Körperschaften, in den Kommissionen sowie in Werkhof und Verwaltung, danke ich herzlich für das Vertrauen, das Wohlwollen und die Unterstützung. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit, viel Glück und einen positiven Geist im 2023!

Markus Ellenbroek, Gemeindepräsident

 

Vergleichbar mit einem Eisberg: Vom Ersatzneubau des Wasserreservoirs Gruebhalde ist nur ein kleiner Teil sichtbar.